Leuchtenberg

Blaues Blut in Seeon. Das Herzoggeschlecht Leuchtenberg.

Auch wenn einem das Kloster Seeon eher als ehemaliges Benediktinerkloster bekannt ist, war es einst Zuhause eines weit verzweigten Adelsgeschlechts - den Leuchtenbergs. Der Stammbaum der Familie reicht bis nach Frankreich und Russland, man findet Namen wie Napoleon Bonaparte oder Nikolaus I. in der Ahnenreihe. Und obwohl die Blütezeit des Geschlechts nur kurz andauerte sind dessen Spuren in Seeon bis heute deutlich sichtbar.

Wer vom nahen Parkplatz auf das Kloster Seeon schaut, dem fällt sofort die kleine Kapelle St Walburgis auf, die schützend von einer Mauer umgeben ist. In früheren Zeiten gehörte das Gotteshaus zu einem Frauenkloster. Heute ist die Kapelle frei zugänglich. Vom umliegenden Friedhof erstreckt sich allein das Dach der Ruhestätte von Herzog Georg von Leuchtenberg über die Mauer und das darauf thronende russisch-orthodoxe Kreuz. Ein Andenken an eine längst vergangene Zeit.

Das Adelsgeschlecht Leuchtenberg wird geboren

Das Wappen des Herzogs von Leuchtenberg aus dem Hause Beauharnais reicht auf eine lange Historie zurück: Die Beauharnais sind eine Familie des französischen (Schwert-) Adels, deren Spuren bis ins 14. Jahrhundert zurück reichen. Während der Französischen Revolution spielten Mitglieder der Familie eine große Rolle. Quelle: wikipedia.commons.org

Georg von Leuchtenberg gehörte jener Adelsfamilie an, die 80 Jahre lang im Besitz des Klosters war. Das ist beinahe die Hälfte der Zeit, die die Adelsfamilie Leuchtenberg überhaupt existierte: 200 Jahre lang. Im Vergleich zu anderen Dynastien ist dies eine verschwindend kurze Zeit und dennoch: Die Adelsfamilie blühte vielleicht gerade deshalb stärker als manch andere. Ihren Anfang nahm die Ära der Leuchtenbergs mit der bayerischen Prinzessin Auguste Amalie und Eugène de Beauharnais, dem 1817 der Herzogtitel verliehen wurde. König Max I. Joseph, seit 1806 der erste bayerische König und der Schwiegervater Beauharnais, verlieh ihm den Titel eines Herzogs von Leuchtenberg und Fürst von Eichstätt. Beauharnais, der außerdem Stiefsohn und späteres Adoptivkind Napoleon Bonapartes war, ließ zu Lebzeiten mit dem Leuchtenberg-Palais das noch heute größte Palais München errichten. Heute ist dort das bayerische Finanzministerium untergebracht.

Aus der Ehe Beauharnais gingen sechs Kinder hervor. Durch eine geschickte und machtbewusste  Heiratspolitik konnte das junge Adelsgeschlecht in der Folge rasch an Einfluss gewinnen. So erlangte Josephine von Leuchtenberg im Jahr 1844 den schwedischen Thron, ihre Schwester Amélie heiratete den Kaiser Brasiliens und deren Bruder Maximilian ging die Ehe mit der Großfürstin Maria Nikolajewna Romanowa, der Tochter von Zar Nikolaus I., ein.

Das Kloster Seeon geht in den Besitz Amélies von Leuchtenberg

Amélie war dann auch diejenige, die 1852 das Kloster Seeon erwarb, das nach ihrem Ableben an die russische Linie der Familie weitervererbt wurde. Diese Zeit brachte eine wahrhaft majestätische Ära für Seeon und den Chiemgau. Die Familie veranstaltete Bälle, Theateraufführungen und Faschingsveranstaltungen. Sie gründete 1910 die Schützengesellschaft  “Klosterschützen Seeon” und spendete großzügig in die Gemeindekasse und an Bedürftige. Es war ein sorgloses Leben, das heute noch durch Bilder dokumentiert ist - aber auch nur sehr kurz Bestand hatte.

Eugène de Beauharnais erhielt 1817 vom ersten bayerischen König den Titel eines Herzogs von Leuchtenberg und Fürst von Eichstätt zugesprochen. Mit dem Bau des Leuchtenberg-Palais schuf sich Beauharnais ein unverwechselbares Vermächtnis. Quelle: wikipedia.commons.org

Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs im Jahr 1914 verließ die Familie Herzog Georgs das Kloster Seeon in Richtung russische Heimat. Das Schicksal der Leuchtenbergs war in den kommenden Jahren eng mit der Weltgeschichte verwoben. Russische Revolution, Entmachtung und Ermordung der Zarenfamilie sowie die komplette Enteignung des Adels führten dazu, dass die Familie all ihre Besitztümer in Russland verlor und verarmt nach Deutschland beziehungsweise nach Seeon zurückkehren musste.

Die Leuchtenbergs verkaufen Großteile des Klosters

Schloss Seeon diente fortan als Treffpunkt russischer Flüchtlinge. Fünf Jahre später, nach dem Tod Georgs 1929 musste seine Frau Olga nur die Seeoner Besitztümer bis auf die Kirche und den Friedhof versteigern. Zum Besitz gehörten drei Hauptflügel mit Wohnungen, die ehemaligen Badelokalitäten, die Fischereirechte, die Kapelle St. Walburg, die Braulokalitäten der ehemaligen Klosterbrauerei sowie zahlreiche Grundstücke in der Umgebung. Olga selbst lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 1954 in ärmlichen Verhältnissen. Sie lebte im Nebengebäude, dem Esterbauer-Häuschen, in dem heute die Herzogstubn untergebracht ist und verbrachte ihre Zeit damit, ihren kleinen Gemüsegarten zu bewirtschaften.

Die Ära der Familie Leuchtenberg in Seeon war kurz, einflussreich und glamourös - und endete abrupt. Doch noch heute sind die Spuren des Adelsgeschlechts in Seeon klar erkennbar, wo das Andenken bis heute gewahrt wird. Zu Ehren Herzog Georgs wird in Seeon jedes Jahr etwa der “Leuchtenbergtag” abgehalten. Außerdem gibt es den Freundeskreis Leuchtenberg, eine Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Spuren der Familie in Bayern lebendig zu halten.

Zum diesjährigen Leuchtenbergtag in Seeon kamen rund 80 Interessierte, die sich Anfang August in Seeon über das Geschlecht und deren Wirken informierten. Abgerundet wurde der Rundgang mit einem abschließenden Gottesdienst in der Kirche St. Walburgis, vor deren Toren Herzog Georg seine letzte Ruhe fand.